6) Der Zweite Weltkrieg

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen am 1. September 1939 hatte der Zweite Weltkrieg seinen Anfang genommen, und gleichzeitig wurden die Lebensmittel und die meisten anderen Gebrauchsartikel rationalisiert und waren daher nur nach Abtrennung eines Abschnittes der Lebensmittelkarte oder gegen Bezugsschein erhältlich.

Die Winter 1939/40 und 1940/41 waren lang und sehr kalt, es wird von Temperaturen bis minus 28 Grad berichtet, wodurch bald ein Mangel an warmer Bekleidung und an festem Schuhwerk eintrat. Durch die erhöhte Einberufung der wehrfähigen Männer zur Wehrmacht wurden die Arbeitskräfte, besonders in der Landwirtschaft, knapp, ein Umstand, dem man durch Zuweisung von Kriegsgefangenen zur Arbeitsleistung zu begegnen versuchte.

Eine allgemeine Verdunkelung in den Nachtstunden wurde angeordnet, und das Läuten der Kirchenglocken war nur mehr in der Zeit zwischen 6 Uhr und 18 Uhr gestattet.

Die Verknappung der Lebensmittel brachte es mit sich, dass immer häufiger in Stallungen der Bauern eingebrochen und Kleinvieh, ja sogar auch Schweine, gestohlen wurden. Der Schwarzhandel mit allerlei Waren und Gebrauchsgegenständen nahm immer mehr zu, und heimliche Hausschlachtungen der Bauern lieferten das nötige Tauschobjekt dazu

Im Juli 1943 ging über Gebiete der Gemeinden Paldau, Axbach und Saaz ein schweres Gewitter, verbunden mit Sturm und Hagelschlag, nieder. Dadurch wurden ein Großteil der Ernte vernichtet, Dächer abgedeckt und Bäume entwurzelt.

Seit 1943 nahmen die Einflüge von alliierten Flugzeugen immer mehr zu, und es kam im Gebiet der Pfarre Paldau sogar zu mehrmaligem Abwurf von Bomben. Es handelte sich meist um Notabwürfe aus getroffenen Flugzeugen, aber auch zu gezielten Abwürfen von Brandflaschen und Brandblättchen, die aber keinen großen Schaden anrichteten, da sie meist auf freiem Feld niedergingen. Aber auch Gefährdungen von Personen, besonders bei Feldarbeiten, durch Tieffliegerangriffe nahmen gegen Kriegsende immer mehr zu, glücklicherweise waren aber dadurch keine Opfer zu beklagen.

Im Sommer 1944 sprangen aus einem schwer getroffenen viermotorigen amerikanischen Bombenflugzeug im Gemeindegebiet von Axbach acht Besatzungsmitglieder mit dem Fallschirm ab. Das Flugzeug stürzte in Steinbach bei St. Stefan im Rosental ab, wobei ein Wohnhaus und ein Wirtschaftsgebäude zerstört wurden und ein Kleinkind ums Leben kam.

Gegen Kriegsende wurden an der Ostgrenze unseres Landes Schanzgräben, Straßensperren und Panzerabwehrgräben errichtet, wozu alle verfügbaren Männer und Frauen rücksichtslos herangezogen worden sind. Sogar in Saaz mussten noch in den letzten Tagen des Krieges Schanzarbeiten verrichtet werden.

Im März 1945 rückten die russischen Truppen über St. Gotthard, Jennersdorf, Fehring und Feldbach vor. Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, gegen 15.30 Uhr trafen die ersten russischen Panzer in Paldau ein. Die meisten Bewohner waren schon vor dem Herannahen der Russen in entlegene Gehöfte geflüchtet und hatten, so weit es möglich war, ihr Hab und Gut in Sicherheit gebracht. Zurückgeblieben war nur der Bürgermeister Johann Groß und noch einige Männer. Auf dem Kirchturm war eine weiße Fahne gehisst worden, um zu zeigen, dass das Dorf kampflos übergeben werden sollte. Als die ersten Panzer sich dem östlichen Dorfrand näherten, traten ihnen der Bürgermeister und einige andere Männer mit einer weißen Fahne entgegen, um das Dorf zu übergeben. Sie wurden vom russischen Kommandanten befragt, ob der Ort gefahrlos besetzt werden könne und ob keine deutschen Soldaten sich in den Häusern versteckt hielten. Bis gegen Abend waren alle verfügbaren Plätze zum Parkplatz für die Panzer und andere Kriegsfahrzeuge geworden. Jedes Haus und Gebäude wurde gründlich nach dort versteckten Soldaten oder etwa dort verborgenem Kriegsgerät durchsucht. Am 2. April, es war der Ostermontag, fuhren die Russen mit ihren Kriegsfahrzeugen auf der Straße in Richtung Rohr und Kirchberg a. d. Raab weiter, aber schon zu Mittag setzte der Rückzug ein, und gegen Abend war kein feindlicher Panzer mehr zu sehen.

Als zu den Osterfeiertagen die russische Armee das erste Mal auch das Gebiet der Pfarre Paldau besetzte, gab es kaum ein Haus, das nicht von den russischen Soldaten besucht worden wäre.

So kamen sie auch zum Anwesen der Familie Melbinger in Unterstorcha und nahmen mit Gewalt die im Hause anwesenden zwei Töchter mit. Während die jüngere Tochter bald nach Hause zurückkehrte, fand man die ältere Tochter kurz darauf tot im nahen Walde. Die Zähne waren eingeschlagen, und ein Kopfschuß hatte ihr junges Leben ausgelöscht. Fast heimlich musste man sie zum Friedhof bringen, wo sie nach der Einsegnung durch Provisor Gombotz begraben wurde.

Am Osterdienstag rückten SS-Mannschaften in Paldau ein und verblieben hier bis Kriegsende. Die einheimischen Männer, die das Dorf nie ganz verlassen hatten, versorgten das letzt noch verbliebene Vieh, während die Frauen lieber noch in ihren Zufluchtsstätten verblieben. In den letzten Kriegstagen durchzogen öfter zurückflutende Flüchtlinge, aber auch Teile der Deutschen Wehrmacht den Ort Paldau in Richtung Westen, darunter auch ein Transport von bis ans Äußerste erschöpfte Juden. Viele von ihnen waren nicht mehr marschfähig, und deshalb wurden mehrere davon – es soll sich um etwa zehn Personen gehandelt haben  – von den SS-Männern einfach erschossen und anschließend hinter dem Hause Paldau Nr. 98 (Höfler) verscharrt. Nach Beruhigung der Lage wurden sie später exhumiert und im Ortsfriedhof beigesetzt.

Am 8. Mai 1945 um 15 Uhr verkündete der britische Radiosender die Beendigung des Krieges. Wenige Minuten später erschütterte eine heftige Explosion die Luft. Durch ein Restkommando einer ukrainischen SS-Division erfolgte die Sprengung des Kaufhauses Bergmann, die schon vorher vorbereitet worden war. Alle in der Nähe gelegenen Häuser wurden durch die Sprengung arg in Mitleidenschaft gezogen, Dächer wurden abgedeckt und beschädigt, die meisten Fensterscheiben gingen in Brüche, und die Türen wurden aus den Angeln gerissen. Besonders stark beschädigt wurden das Schulhaus und die Pfarrkirche.

Durch die Sprengung war die Straße von den Schuttmassen vollkommen blockiert, sodass sowohl die zurückgehenden deutschen Truppen als auch die anmarschierenden russischen Soldaten nur über Umwegen in Richtung Westen weiterkommen konnten. Wenige Tage darauf mussten auf Befehl der russischen Stadtkommandantur in Feldbach die verschütteten Straße von Bewohnern aus Paldau wieder freigemacht werden. Ebenso wurde befohlen, eine Ortspolizei aufzustellen, die die Aufgabe hatte, den häufigen Plünderungen und den Übergriffen ortsfremder Elemente Einhalt zu gebieten. Das war aber keine leichte Aufgabe, da diese Sicherheitsorgane keine Waffen tragen durften und auch für sie das nächtliche Ausgehverbot galt.

Gleich nach der Kapitulation mussten an die russisch Stadtkommandantur in Feldbach Schweine, Eier und sonstige Lebensmittel sowie Heu und Futtermittel geliefert werden, wofür es aber keine Bezahlung gab. Die geforderten Mengen konnten nur mit harter Mühe aufgebracht werden, da ja ohnehin schon längere Zeit hindurch an allem ein Mangel herrschte. Auch in der weiteren Zeit während der Besetzung durch russische Soldaten wurden noch öfter Lieferungen von Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen verlangt, ebenso mussten Wohnräume für die Bedürfnisse der Besatzer bereitgestellt werden.

Am 26. Mai 1945 wurde der erste Transport deutscher Kriegsgefangener durch Paldau geführt. Dabei versuchte der aus Berlin stammende Obergefreite Walter Newes zu flüchten. Er wurde aber festgenommen und von einem Angehörigen der Bewachungsmannschaft in der Nähe des Friedhofes erschossen. Dieser Soldat erhielt später auf dem Ortsfriedhof von Paldau ein würdiges kirchliches Begräbnis.

Mit einer wahren Freude wurden am 27. Juli 1945 die ersten Lastkraftwagen der englischen Armee begrüßt, als sie durch Paldau fuhren und die bisherigen Besatzungssoldaten ablösten. Die Oststeiermark gehörte von diesem Tage an zur englischen Besatzungszone und damit hörten auch die Plünderungen und Requirierungen schlagartig auf. Das gesamte Zusammenleben begann sich von nun an zu normalisieren.